Sicherheitsüberprüfung (Ü1–Ü3): Was Unternehmen und Kandidaten wirklich wissen müssen
- Josephine Hacker Lacouture

- 10. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Die Sicherheitsüberprüfung gilt als das größte Hindernis beim Einstieg in den Defence-Bereich. Zu Recht – aber auch als Ausrede. Beides stimmt.
Die Nachfrage nach qualifiziertem Personal in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie ist so hoch wie nie. Und der Bedarf an staatlichen Sicherheitsüberprüfungen hat im gleichen Zug ein Allzeithoch erreicht. Secunet-CEO Marc Julian Siewert brachte es gegenüber dem Handelsblatt auf den Punkt: „Der Bedarf an sicherheitsgeprüften Leuten geht gigantisch in die Höhe."
Gleichzeitig führt das Thema Sicherheitsüberprüfung auf beiden Seiten des Recruiting-Prozesses regelmäßig zu Fehlannahmen – bei Kandidaten, die es unterschätzen, und bei Unternehmen, die es als unüberwindbares Hindernis behandeln. Beides ist falsch.
Was die Sicherheitsüberprüfung tatsächlich bedeutet
In Deutschland gibt es drei Stufen der Sicherheitsüberprüfung, geregelt durch das Sicherheitsüberprüfungsgesetz (SÜG) und für Privatunternehmen verantwortet durch das Bundeswirtschaftsministerium (BMWE):
Die "Ü1" ist die Basisstufe und dauert in der Regel vier bis acht Wochen. Geprüft werden Vorstrafen, laufende Verfahren, Lebenslauf und finanzielle Verhältnisse.
Die Stufe "Ü2" ist eine erweiterte Prüfung mit einer Laufzeit von drei bis sechs Monaten. Zusätzlich werden hier soziale Netzwerke ausgewertet, Ehe- und Lebenspartner einbezogen und teilweise Personen aus dem beruflichen und privaten Umfeld befragt.
Die "Ü3" ist die umfangreichste Stufe der Überprüfung und dauert sechs bis neun Monate – in manchen Fällen, insbesondere bei längeren Aufenthalten in sicherheitskritischen Ländern wie Russland oder China, auch bis zu 18 Monate.
Diese Überprüfungen sind kein bürokratischer Selbstzweck. Deutschland gilt als zentrales Ziel russischer und chinesischer Geheimdienste. Das Wachstum der Verteidigungsindustrie öffnet potenzielle Einfallstore für Spionage und Sabotage. Die Sicherheitsüberprüfung ist deshalb ein notwendiger Prozess – auch wenn er teilweise reformiert und mit mehr Kapazitäten ausgestattet werden sollte.
Das eigentliche Problem: Nicht die Überprüfung selbst, sondern der Umgang damit
Für viele Unternehmen, insbesondere solche, die neu in den Verteidigungssektor einsteigen, wird die Sicherheitsüberprüfung zum Wachstumshemmnis. Einstellungen verzögern sich, Projektstart-Phasen werden gestreckt, und Kandidaten, die eigentlich fest eingeplant waren, können Monate lang nicht operativ eingesetzt werden.
Dabei ist die entscheidende Frage nicht, ob die Überprüfung stattfindet – das ist nicht verhandelbar. Die entscheidende Frage ist, wie Unternehmen die Wartezeit nutzen.
Die klügsten Akteure im Markt nutzen die sogenannte Pre-Clearance-Phase aktiv. Statt sechs Monate Leerlauf entsteht eine strukturierte Integrationsphase: Schulungen, Tool-Einarbeitung, Prozessverständnis, Simulationen, Projektbeteiligung ohne eingestufte Zugriffe. Wer das gut plant, hat am Ende der Wartezeit einen Mitarbeiter, der emotional und fachlich im Unternehmen angekommen ist – und direkt operativ werden kann, sobald die Freigabe erteilt wird. Das ist ein echter Wettbewerbsvorteil im Recruiting: Kandidaten lassen sich für ein Modell gewinnen, das ihnen trotz Wartezeit eine sinnvolle Einstiegsphase bietet.
Was Kandidaten konkret wissen müssen
Für Bewerberinnen und Bewerber gilt zunächst: Die Sicherheitsüberprüfung ist in den seltensten Fällen ein absolutes Ausschlusskriterium. Viele interessante Profile kommen aus dem EU-Ausland oder haben internationale Lebensläufe – das verkompliziert den Prozess, macht ihn aber nicht unmöglich.
Relevante Einflussfaktoren sind längere Aufenthalte in Ländern wie Russland oder China, bestehende finanzielle Verpflichtungen oder Verbindungen zu Personen in sicherheitskritischen Positionen. Wer seinen Lebenslauf ehrlich reflektiert, kann frühzeitig einschätzen, welche Stufe der Überprüfung auf ihn zukommen könnte – und ob es Faktoren gibt, die den Prozess verlängern.
Wichtig: Bewerbungsprozess und Sicherheitsüberprüfung können parallel laufen. Es gibt keinen Grund, erst mit der Suche anzufangen, wenn die Freigabe erteilt ist. Im Gegenteil: Wer früh beginnt, verschafft sich einen Zeitvorsprung.
Wo der Reformbedarf liegt
Die aktuelle Situation ist für alle Beteiligten unbefriedigend. Die Kapazitäten des BMWE sind nicht auf den massiven Anstieg der Überprüfungsanfragen ausgelegt. Die Politik stellt Vereinfachungen in Aussicht – konkrete, schnell wirksame Lösungen sind bislang aber nicht absehbar.
Ein diskutierter Ansatz ist die freiwillige Vorab-Sicherheitsüberprüfung: Personen, die grundsätzlich an einer Karriere im Verteidigungssektor interessiert sind, könnten diese Prüfung proaktiv durchlaufen – noch bevor sie sich auf eine konkrete Stelle bewerben. Das würde Unternehmen ermöglichen, auf bereits geprüfte Kandidaten zurückzugreifen und Ramp-up-Phasen erheblich zu beschleunigen. Die Umsetzung würde einen deutlichen Personalaufwuchs bei der prüfenden Behörde erfordern – kombiniert mit regelbasierten Prozessstraffungen und dem gezielten Einsatz rechtssicherer KI-Unterstützung.
Fazit: Kein Showstopper – aber ein ernstzunehmendes Thema
Die Sicherheitsüberprüfung ist kein Grund, einen exzellenten Kandidaten abzulehnen. Sie ist auch kein Grund, als Bewerber den Kopf in den Sand zu stecken. Sie ist eine strukturelle Realität dieser Branche – die man kennen, ernst nehmen und aktiv managen muss.
Unternehmen, die das verstehen und ihre Pre-Clearance-Phase strategisch gestalten, haben einen klaren Vorteil. Kandidaten, die transparent kommunizieren und den Prozess frühzeitig anstoßen, auch. Was bleibt, ist der Ruf an die Politik: Reforma und Kapazitätsaufbau sind überfällig. Der Fachkräftebedarf der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie wartet nicht.



